Literaturcafe Science-fiction und Fantasy


Das Literaturcafé Science-fiction + Fantasy fand vom 19. Oktober bis 13. November 1987 im Kundenzentrum der Stadtwerke in Düsseldorf statt.
Veranstalter
Veranstalter waren die Stadtwerke Düsseldorf AG in Zusammenarbeit mit dem Literaturbüro NRW e. V.
Programm
Das Programm bestand aus je sechs Lesungen von professionellen Autorinnen und Autoren im Oktober und im November. Zum Abschluss erhielten in einer weiteren Veranstaltung Hobby- und Nachwuchsautoren die Möglichkeit, aus eigenen Werken zu lesen.
Oktober
- Montag, 19. Oktober, 19:30 Uhr: Wolfgang Jeschke
- Dienstag, 20. Oktober, 16:00 Uhr: Elisabeth Abs
- Mittwoch, 21. Oktober, 19:30 Uhr: Preisträger des NRW-Autorentreffens - Sparte Science-fiction - Dr. Ulrich Harbecke, Claudia Pütz
- Montag, 26. Oktober, 19:30 Uhr: Ronald M. Hahn
- Dienstag, 27. Oktober, 16:00 Uhr: Wolfgang Hohlbein
- Mittwoch, 19. Oktober, 19:30 Uhr: Horst Pukallus
November
- Montag, 2. November, 19:30 Uhr: Herbert Somplatzki
- Dienstag, 3. November, 16:00 Uhr: Irmtraud Kremp
- Mittwoch, 4. November, 19:30 Uhr: Joachim Dehne
- Montag, 9. November, 19:30 Uhr: Karl von Wetzki
- Dienstag, 10. November, 16:00 Uhr: Michael Iwoleit
- Mittwoch, 11. November, 19:30 Uhr: Horst Landau
- Freitag, 13. November, 15:00 Uhr bis 21:00 Uhr: Hobby- und Nachwuchsautoren, Lesungen aus eigenen Werken
Bericht
»Literaturcafé "Science Fiction + Fantasy" in Düsseldorf
Insgesamt vier Wochen lang - vom 19.10.-13.11.87 - lasen Autorinnen und Autoren aus den Genres SF und Fantasy ihre Werke im Kundenzentrum der Stadtwerke Düsseldorf, Luisenstr./Ecke Helmholzstr. Die insgesamt 13 Veranstaltungen umfassende Reihe bot die Gelegenheit, prominenten Autoren zu begegnen, andererseits konnten auch Hobby- und Nachwuchsautoren ihre eigenen Werke vorstellen.
Zur offiziellen Eröffnung des Literatur-Cafés las am 19. Oktober Wolfgang Jeschke, nachdem der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke, Michael Jonas, die Veranstaltung eröffnet hatte.
Jeschke setzte gleich zu Beginn Maßstäbe für die folgenden Lesungen, sowohl was die Dauer anbelangt - er las über zwei Stunden - als in Bezug auf Atmosphäre und literarische Qualität. Seine lebendige und ideenreiche Darstellung, gepaart mit der eindrucksvollen Erzählung, sorgten in den Passagen aus der Novelle Osiris Land dafür, daß dem Auditorium von ca. 50 Interessierten die Zeit nicht lang wurde.
Nach einer kurzen Pause trug Jeschke noch Auszüge aus den Schlußkapiteln seines neuen, noch unbetitelten Romans vor, der offenbar auf der Erzählung Nekyomanteion basiert. Es ging um Probleme bei der Herstellung von "Kopien" von Menschen - um ihre Unterscheidbarkeit, ihre Gefühle etc. Hier war die Aufnahme durch das Publikum nicht mehr so positiv, was aber neben dem vielen als unrealistisch erscheinenden Thema und der Bruchstückhaftigkeit vor allem der schwindenden Konzentrationsfähigkeit zuzuschreiben war.
Danach hatte man die Gelegenheit, bei dem vorbereiteten Imbiß noch den einen oder anderen Autoren kennenzulernen. Anwesend waren u. a. Elisabeth Abs, Ronald M. Hahn, Horst Pukallus und Michael Iwoleit.
Am Montag darauf, am 26. Oktober, las der Wuppertaler Ronald M. Hahn vier seiner Stories aus Ein Dutzend H-Bomben vor. In der Reihenfolge seiner Lesung waren es Der Papst ist da!; Heil Dir, Utopia - aber auf unsere Art, Abenteuer im Überbau und Licht aus! Spot an!. Ronald M. Hahn ging bereits zu nervös auf die Bühne und verhaspelte sich zu Beginn einige Male, aber auch nachdem sich die Anspannung nach gut der Hälfte gelegt hatte, las er noch immer zu unbetont. Die Erzählungen waren auch nicht sonderlich glücklich ausgewählt: Während z. B. Abenteuer im Überbau für Kenner der Szene sehr humorvoll wirken mußte, konnte ein anderer Teil damit augenscheinlich nichts anfangen. Dagegen wollte sich die beim Lesen von Heil Dir, Utopia ... empfundene Betroffenheit nicht einstellen. An diesem Montag waren, wie bei allen anderen Veranstaltungen außer der Eröffnung, nur ca. zehn Personen anwesend, unter ihnen teilweise auch Autoren.
Wolfgang Hohlbein las am 27. Oktober vor maximal 15, meist jüngeren Zuhörern. Hohlbein trug die Geschichte Im Namen der Menschlichkeit aus der Anthologie Jupiter vor. Die Geschichte geht von der These aus, daß Jesus Christus nicht am Kreuz starb, sondern eine Revolution auslöste. Aus dieser Revolution ging das Heilige Römische Reich hervor, das sich im Jahr 1504 AD im Krieg mit dem Doppelreich der Tolteken (Amerika) befindet. Der Centurio Simon Seren und drei Legionäre werden mit einem "Zeittaucher" in die Vergangenheit geschickt, um den Feind mittels einer Atombombe zu vernichten, bevor er überhaupt zum Feind wird. Sie stranden jedoch in der Zeit in Jerusalem im Jahre 30 AD kurz vor dem Osterfest. Seren trifft Jesus. Er ist betroffen, daß dieser Mann der Urheber für 10 Millionen Tote in 1500 Jahren ist (der Krieg mit den Tolteken resultierte daraus, daß diese nicht die Religion des Herrn annehmen wollten). Seren wird mit dieser Erkenntnis nicht fertig. In einer dunklen Nacht hält er Judas Ischarioth an und besticht ihn mit 30 Silberlingen. Die Geschichte ist gut gemacht und wurde auch gut vorgetragen. Faszinierend ist die Schilderung der Personen, die mit dem Bewußtsein leben, die Geschichte ändern zu können und die Überlegung, wie viel Böses ein Bote der Liebe mit sich ziehen kann.
Am darauffolgenden Tag war Horst Pukallus Gast im Kundenzentrum. Um 19:30 Uhr las er seine im Moewig Science Fiction Almanach 1984 erschienene Story Katatonien, zwoter Mai neunzehnhundertsechsundzwanzig. Die nach Auffassung des Autors völlig unterschätzte Erzählung handelt von einer Paallelwelt, in der beiden (ins unserer Welt) Massenmörder Friedrich Haarmann ("Der Werwolf von Hannover") und Peter Kürten ("Der Vampir von Düsseldorf") Agenten einer "interdimensionalen" Organisation sind und sich gegenseitig bekämpfen. Diese groteske Story ist eingebunden in einen Persönlichkeitstest mit ausführlichen Diagnosen am Schluß der Geschichte. es handelt sich also um eine wirklich außergewöhnliche Story, durchsetzt mit dem Puklallus-typischen Humor. Nach dem Vortragen der Erzählung entwickelte sich eine kurze Diskussion über deren Zustandekommen. Der Autor äußerte sich dahingehend, daß er schon immer Interesse an den beiden Persönlichkeiten hatte, die sich hinter den Massenmördern verbargen. Ihn interessierte das Milieu, in dem Peter Kürten lebte, und wie es dazu kam, daß dieser Mann über einen Zeitraum hinweg seinen Untaten nachgehen konnte. Horst Pukallus schilderte darüber hinaus seine - leider vergeblichen - Bemühungen, authentisches Material wie z. B. Gerichtsakten zu bekommen.
Die Novemberveranstaltungen eröffnete am 2. November Herbert Somplatzki. Der in Essen lebende freie Autor stellte drei seiner Kurzgeschichten sowie ein Kapitel seines 1984 bei Arena erschienenen Romans Die Explosion des Regenbogens vor, zu dem die Kurzgeschichte Unter der Doppelsonne eine Vorarbeit darstellte (erschienen im Heyne SF-Magazin 5). Bei den Kurzgeschichten handelte es sich um drei Miniaturen, unter ihnen die beeindruckende erste Arbeit über die Wiedervereinigung beider deutschen Staaten nach dem Atomkrieg und eine Satire auf Genmanipulation und Sportfunktionäre, in der das Klonen eigenen Körpergewebes zum ersten Mal eine wirklich ausgewogene Ernährung für Sportler bietet. Herbert Somplatzki ist übrigens diplomierter Sportlehrer und seines Wissens nach der einzige, der sich mit der Zukunft des Sports befaßt. Alle gelesenen Texte gewannen deutlich durch die langsame und betonte Diktion des Autors. Eine sich anschließende Diskussion wurde vor allem durch eine teilweise überhart geführte Auseinandersetzung zwischen den anwesenden Autoren Michael Iwoleit und Horst Pukallus auf der einen Seite und zwei vom Werkkreis "Literatur der Arbeitswelt" Beeinflußten auf der anderen Seite bestimmt. Letztere waren wegen des vom Autor als Reaktion auf seine Tätigkeit als Bergarbeiter verfaßten Romans Muskelschrott gekommen und kritisierten Herbert Somplatzki in letzter Konsequenz als Verräter an der Sache der Proletarier und die Science Fiction als bedeutungslose Spielart der Literatur. Ebenso harsch antwortete Michael Iwoleit mit der Bemerkung, dort würden Menschen von vorgestern sitzen, die keine Ahnung hätten, welche Probleme heute wichtig wären. Erstaunlich war bloß, daß man schließlich doch noch etwas über Herbert Somplatzki erfuhr. So bedauerte er z. B., daß Die Explosion des Regenbogens in die Kategorie Jugendbuch geschoben wurde, weil es eben bei Arena erschien, obwohl es eigentlich für Erwachsene verfaßt wurde.
Bereits des öfteren in von Wolfgang Jeschke herausgegebenen internationalen Anthologie vertreten war Karl von Weztky, der bis 1978 als Karl Wrchowetzky in der CSSR lebte und dessen Veröffentlichungen bis vor kurzem unter diesem Namen erschienen. Er las am 9. November. Seite drei Kurzgeschichen Nimm die Schätze und verlasse uns!, Nach Babylon, nach Babylon und Die Beschleunigung des Prozesses, die erst im September in der Anthologie L wie Liquidator erschien, hatten allesamt historische Bezüge. Die Beschleunigung des Prozesses verweist z. B. auf die mittelalterlichen Kreuzüge. Der durch dreißigjähriges Leben in der CSSR erworbene Akzent stört zwar vereinzelt den Fluß der Lesung, trotz wurden Witz und Atmosphäre der Texte den Zuhörenden gut vermittelt. Das sich anschließende Gespräch mit dem Autor drehte sich dann um das Werk der Brüder Strugatzki, denen Wetzky begegnet war - und nicht um sein eigenes.
Michael Iwoleit legte am 10. November einen noch unveröffentlichte Kurzgeschichte und einen Auszug aus einem noch in Arbeit befindlichen Roman vor, um zeigen, was künftig noch von ihm zu erwarten ist. Überraschenderweise tendierten beide Texte eher in die Richtung der sogenannten hard science fiction mit ihrer technifizierten Umwelt und dem dazugehörigen Fachvokabular. Iwoleit vergißt in den vorgelesenen Manuskripten aber auch nicht den Menschen und reißt sowohl auf dem Saturnmond Titan als auch in einer L5-Raumkolonie philosophische Fragestellungen an.
Die verstärkte Verwendung anglifizierten Wissenschaftsvokabulars wurde in einem anschließenden Beitrag kritisiert und für die Ghetoisierung der SF im wesentlichen verantwortlich gemacht. Dem hielt der Autor entgegen, daß eher die schlechte Qualität vieler Veröffentlichungen dafür der Grund sei; außerdem solle man sich mit etwas schwerer zu verstehender Literatur vermehrt auseinandersetzen, man könne dabei nur gewinnen.
Die Veranstaltungen des Liteaturcafés waren zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung, um die SF aus dem angesprochenen 'Ghetto' herauszuholen - allerdings fanden zu wenige Zuhörer den Weg ins Kundenzentrum, als daß man von einem Erfolg sprechen könnte. Aus Sicht der Veranstalter sah es anders aus: Immerhin kamen diesmal Leute, die man mit den bisherigen Literatur-Cafés nicht ansprechen konnte. Und das ist ein Erfolg, oder?«[1]
Sonstiges
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Schreiben Stadtwerke. -

Hilferuf.. -

SF-Spektrum NRW Nr. 1, 1990. -

SF-Spektrum NRW Nr. 1, 1990.
Anschreiben der Stadtwerke.
Einzelnachweis
- ↑ Christian A. Mathioschek; Stefanie Pulla; Thomas Vohl: Literaturcafé "Science Fiction + Fantasy" in Düsseldorf. In: SF-Spektrum NRW Nr. 18, Dezember 1987, S.1 und 6-8.