Weird Fiction. Angriff auf die Realität

Veranstaltungsplakat.
Die Veranstaltung Weird Fiction. Angriff auf die Realität fand am 7. und 8. November 2023 im Rahmens des Programms des Literaturforums im Brecht-Haus in
Berlin statt. Außerdem fand am 28. November und 12. Dezember als Schreibwerkstatt ein LfB School Workshop zu Weird Fiction statt.
Veranstalter
- Veranstalter war das Literaturforum im Brecht-Haus.
- Projektleiter war Jens Winter.
- Die Veranstaltung wurde gefördert aus Mitteln des Landes Berlin, Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Inhalte
In einer multiperspektivischen Gegenwart, in der unterschiedliche Realitäten immer schwieriger zu vermitteln scheinen, gewinnt Literatur an Bedeutung, die die Diskontinuitäten von Realitätsbildung selbst zum Thema hat.
Ein literarisches Genre, das sich der Frage nach der Fragilität unserer Sinnhorizonte wie kein Zweites widmet, ist Weird Fiction. Situiert zwischen Fantasy, Sci-Fi und Horror auf der einen Seite und Realismus auf der anderen, finden sich darin Geschichten, die man auf Anhieb nicht zuordnen kann. Sie weisen übernatürliche oder fantastische Elemente auf, doch spielen sie in Erzählwelten, die der Lebenswelt nicht unähnlich sind. Da sind z. B. Menschen, die sich in menschenfressende Tiere verwandeln, Väter, denen Hörner wachsen und Welten, deren Ränder zerfasern. Das alles erscheint aber gar nicht erklärungsbedürftig. Kein Erzähler ordnet das Erzählte ein, es passiert einfach so. H. P. Lovecraft nannte diese Form des Schreckens »kosmische Angst« und die Literatur, die eine solche Atmosphäre entfaltet, »weird fiction«.
An zwei Tagen zur Weird Fiction wird es um Literatur gehen, die mit Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten bricht. Unter dem Eindruck des »Weirden« fordert sie dazu auf, offen zu bleiben für das Nicht-Wissen, für die Grenzen des Verständlichen und für ein sensibles und aufmerksames Lesen. Die Fragen, die Weird Fiction evoziert, überfordern. Was passiert in diesen Texten? Ist das Realität oder Fiktion? Was passiert, wenn gewisse Grenzen überschritten werden? Und warum ist das mit Angst, Schrecken und mit Grusel verbunden? Was haben Tiere und Gewalt damit zu tun? Können weirde Texte einen politischen Beitrag leisten oder sind sie einfach nur Ausdruck einer neoliberalen Entgrenzung und Phantastik?
Programm

Programmankündigung.
Dienstag, 7. November 2023, 19:00 bis 21:00 Uhr: Lesungen, Inputs, Podiumsgespräch
Was ist weird an Weird Fiction?
Nach H. P. Lovecraft zeichnet sich weirde Literatur durch eine weirde Atmosphäre aus. Sie bringt uns in Kontakt »mit unbekannten Sphären und Mächten«. Wie hat man sich einen solchen Kontakt vorzustellen? Charlotte Krafft und Anja Kümmel lesen literarische Texte zwischen Old und New Weird. Joachim Kalka spürt den Urgründen des Weirden bei H. P. Lovecraft und Arthur Machen nach. Juan S. Guse überlegt, warum das Internet im Contemporary Weird so eine wichtige Rolle spielt.
- Charlotte Krafft (»Der Bock, der Teufel, der Wahnsinn«)
- Anja Kümmel (»Ordnung und Fortschritt«)
- Joachim Kalka (»Kosmische Angst, zu höchster Kunst erhoben. Lovecraft und Arthur Machen«)
- Juan S. Guse (»Backrooms«)
- Moderation: Sascha Ehlert

Programmankündigung.
Mittwoch, 8. November 2023, 19:00 bis 21:00 Uhr: Lesungen, Inputs, Podiumsgespräch
Weirde Grenzerfahrungen. Von Natur bis Beziehung
Gefühle der Fremdheit bergen Angst und Schrecken. Sie begegnen uns in Natur, Gesellschaft und in den intimsten Beziehungen. Robert Macfarlane liest einen Auszug aus »Im Unterland«, Rudi Nuss geht der Frage nach, was das Phänomen der Cuteness mit Weirdness zu tun hat, Hanna Hamel erörtert, inwiefern Intimität immer wieder weirde Erfahrungen evoziert und Henrik Otremba liest einen Text über weirde Körpererlebnisse.
Mitwirkende:
- Robert Macfarlane via Zoom
- Andreas Jandl (»Im Unterland«),
- Rudi Nuss (»Wärme, Augen, Plüsch – Die Unausweichlichkeit des Cuten«)
- Hanna Hamel (»Wo beginnt weirdness? Grenzgänge der Gegenwartsliteratur«)
- Hendrik Otremba (»Fieber«)
- Moderation: Emma Braslavsky
Weirde Schreibwerkstatt
LfB School Workshop zu Weird Fiction mit Rudi Nuss am 28. November und 12. Dezember 2023
Wo fängt Realismus an? Ab wann ist ein Text realistisch? Wo fängt die Realität an? Für Moritz Baßler gebietet ein mittelmäßiger Realismus den Mainstream der Gegenwartsliteratur, der sich immer und immer wieder bloß selbstbestätigt – Werbung für die Realität. Wir schauen in diesem Workshop auf das unrealistische Erzählen, das den Zuständen versucht, zu entfliehen. Doch das ist gar nicht so einfach: Greift man gleich auf die meiste Science-Fiction und Fantasy zurück, dann werden die diegetischen Welten nach wie vor realistisch erzählt – trotz UFOs, Mutanten und fiktiver Planeten. Wie schreibe ich überhaupt „unrealistisch“? Schaut man in Richtung Horror oder Weird Fiction finden wir zumindest etwas, das dem Gefüge des Realismus zu Leibe rückt: In beiden Genres fällt ein Außen in die Handlung ein. Ob beim Lovecraftian Horror, der traurigen Vermengung allen Lebens in VanderMeers Annihilation, den Killervögeln von Du Maurier oder den Alptraumwelten David Lynchs – etwas Traumatisches, Unerklärliches, Transzendentes sprengt den Text und hinterfragt überhaupt die Möglichkeit der Beschreibung selbst. Oder wie Mark Fischer es ausdrückt: In weirden Medien taucht etwas auf, das hier ganz und gar nicht hingehört. Wo Inneres und Äußeres Grundkategorien aller Literatur ist, spielen sie hier eine konstituierende Rolle. Wir wollen uns mit diesem Einbruch des großen wilden Außen ins Innere der Erzählung beschäftigen. Wir schauen auf Weird Fiction, das Weirde an sich und Horrorstories – und schreiben uns aus den Grenzen des Realen hinaus: Was ist innen, was außen, was Hinter-, was Vordergrund?
Workshop mit begrenzter Teilnehmerzahl im Rahmen des Programms der lfb school.
Weblinks
- Weird Fiction. Angriff auf die Realität. Auf: Webseite des LfB.
- Dokumentation: Was ist weird an Weird Fiction?. Video auf:
YouTube. - Dokumentation: Weirde Grenzerfahrungen. Video auf:
YouTube. - Weird Fiction: Eine Horde Orks, ein elektronisches Schaf oder eine mörderische Puppe. In:
Berliner Zeitung, 5. November 2023.