Fantasy und Science Fiction oder Die deutschen Schriftsteller und die Zukunft

Aus German Science Fiction Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Fachtagung Fantasy und Science Fiction oder Die deutschen Schriftsteller und die Zukunft fand vom 24. bis 26. November 1978 im Jungen Theater in Göttingen statt.

Veranstalter

Veranstalter war der Verband Deutscher Schriftsteller (VS).

Hintergrund

»Daß Science Fiction international im literarischen Angebot einen so breiten Raum einnimmt, beschäftigt inzwischen nicht nur die Soziologen und Literaturwissenschaftler, sondern auch die Autoren. Nachdem der "Verband Deutscher Schriftsteller" (VS) vor zwei Jahren in Regensburg auf einer Fachtagung sich mit dem Kriminalroman beschäftigt hatte, stand die diesjährige Tagung ... unter dem Motto Fantasy und Science Fiction oder Die deutschen Schriftsteller und die Zukunft[1]

Ablauf

»Unter der Gesprächsleitung von Peter O. Chotjewitz informierten und diskutierten dreizehn "Macher" der deutschen Science Fiction-Szene. ... in den Räumen des "Jungen Theaters" erlebte ein meist wenig zahlreiches Publikum (zwischen 50 und 100 Zuhörer pro Sitzung) einen zum Teil heftigen Meinungsstreit.«[1]

Freitag, 24. November

»Die Einführungsreferate beschäftigten sich mit dem offensichtlich gestörten Verhältnis der sogenannten "hohen" Literatur zur SF und sollten die Möglichkeiten aufzeigen, die Stilmittel und Themenkreis der SF der allgemeinen Literatur bieten können. Herbert W. Franke, der auch international bekannteste deutschsprachige SF-Autor, stellte gleich zu Beginn klar, daß für ihn Science Fiction nichts zu tun habe mit Weltraumungeheuern und grünen Männchen vom Mars; er distanzierte sich damit von den wilden niveaulosen Phantastereien, die bei uns vornehmlich in Heftform an die Kioske kommt und von einem meist jugendlichen Publikum verschlungen wird. Sein Definitionsversuch, die SF sei "die Schilderung dramtisierter Geschehnisse, in einer fiktiven, aber prinzipiell möglichen Modellwelt spielend" fand keinen ungeteilten Beifall, da Franke in der Folge allzusehr auf den naturwissenschaftlich-technischen Charakter der SF abhob. Vor allem Jürgen vom Scheidt und Carl Amery erhoben Einspruch gegen Frankes Vorstellung von SF. Vom Scheidt hob mehr die psychologisch-geisteswissenschaftliche Komponente einer modernen SF hervor; Amery gar verwies auf die Entwicklung der amerikanischen Kriminalliteratur und meinte, möglicherweise habe gerade in ähnlicher Entwicklung die niedere Erscheinungsform der SF (Hefte wie etwa Perry Rhodan) mehr Chance des Überlebens als die sogenannten gehobenen Erzeugnisse.«[1]

Samstag, 25. November

»Der Samstag war vor allem dem Thema "Science Fiction und die Medien" vorbehalten. Wolfgang Jeschke, Mitherausgeber der Heyne-SF und selbst Autor, verwies auf Marktzwänge, unter denen alle zu leiden haben, die SF in irgend einer Form edieren oder herstellen. Um anspruchsvolle Titel ins Programm aufnehmen zu können, sei jeder Verlag gezwungen, Erzeugnisse minderer Qualität, die sich aber besser verkaufen, ins Programm zu nehmen. Jeschke beklagte, daß die deutsche Literaturkritik sich so wenig der Science Fiction - und sei es nur ihrer Spitzenerzeugnisse - annehme. Es sei frustrierend, in den leeren Raum zu produzieren und als einziges Echo einige Zuschriften von Fans, allenfalls als Kritiken getarnte, vom Klappentext abgeschriebene Zeilen zu erhalten. Dabei gebe es im deutschsprachigen Raum immerhin etwa 25 000 regelmäßige SF-Leser.«[1]

Uwe Nielsen, Chefredakteur des neuen deutschen SF-Magazins 2001, von dem gerade die vierte Ausgabe im Handel ist, beschäftigte sich damit, wie der eigentlich SF-Leser aussieht: meist unter 25 Jahren, oft sehr viel jünger und von einer fanatischen Sammelwut getrieben. Parallel dazu gehen eigene schriftstellerische Versuche im Genre, oft noch mit Hand und nicht selten voller orthographischer Fehler. In diesem Zusammenhang kam die Frage nach einer verstärkten Förderung des schriftstellerischen SF-Nachwuchses auf, die nicht nur den Romanheftverlagen überlassen werden darf, wo die jungen Talente oft genug von Beginn andurch vom Markt bestimmte Zwänge verbogen werden. Dieser Nachwuchs etwa fände im Hörspiel ungeahnte Möglichkeiten, wie Horst Krautkrämer vom Süddeutschen Rundfunk deutlich machte.«[1]

Sonntag, 26. November

»Die Abschlußveranstaltung am Sonntag sah Professor Wolfgang Promies und Hans Joachim Alpers zum Thema "Science Fiction als Sozialutopie". Beide beklagten, daß SF sich so wenig auf diesem speziellen Gebiet orientiere.[1]

Am Ende der dreitägigen VS-Tagung rief Peter O. Chotjewitz die deutschen SF-Macher auf, sich zusammenzuschließen; zur Förderung des Nachwuchses wie zur Verbesserung der deutschen wie internationalen SF ...«[1]

Pressestimmen

  • »In Referaten zu Themen wie "Was ist überhaupt Science-fiction?" wurde versucht, auf die Gefahren der zum großen Teil der Trivialliteratur zuzurechnenden Zukunftsvisionen hinzuweisen. So vertrat der Herausgeber von Science-fiction-Literatur, Dr. Franz Rottensteiner, die Meinung, der größte Teil der Hefte und Romane seinen "einfach schlecht", weil die Autoren dieser Bücher "mit den Hoffnungen und Ängsten der Menschen" spielten.
Demgegenüber vertrat der Leiter der Abteilung Hörspiel beim Bayerischen Rundfunk, Dr. Dieter Hasselblatt, die Ansicht, das Entwerfen von alternativen Vorstellungen einer künftigen Welt sei schon die einzige Möglichkeit, Zukunft geistig zu erproben. Daher vermöge sie sogar mehr als die übliche Literatur.«
Zukunft geistig erproben. In: Westdeutsche Zeitung, Wuppertal, Dienstag, 28. November 1978.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Jörg Weigand: Die deutschen Schriftsteller und die Zukunft. In Eßlinger Zeitung, Eßlingen, Mittwoch, 29. November 1978.