Wolfgang Thadewald: Unterschied zwischen den Versionen
| Zeile 91: | Zeile 91: | ||
[[Kategorie:Deutschland]] | [[Kategorie:Deutschland]] | ||
[[Kategorie:Science Fiction]] | [[Kategorie:Science Fiction]] | ||
[[Kategorie:Geboren 1936]] | |||
[[Kategorie:Gestorben 2014]] | |||
[[Kategorie:Mann]] | |||
[[Kategorie:W]] | [[Kategorie:W]] | ||
[[Kategorie:1]] | [[Kategorie:1]] | ||
Aktuelle Version vom 5. September 2025, 14:32 Uhr

Foto © Ronald M. Hahn
Wolfgang Thadewald (* 24. April 1936 in
Stettin; † 1. Dezember 2014 in
Langenhagen) war ein deutscher Sammler, Bibliograf, Verleger, Herausgeber, Autor grotesk-skurriler Erzählungen[1] und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kenner der Werke des französischen Science Fiction-Schriftstellers Jules Verne.[2]
Leben und Berufsweg
Zusammen mit seiner Familie
1945–1950 der knapp neunjährige Thadewald am Ende des
Zweiten Weltkrieges über Dänemark aus seiner
vorpommerschen Heimat nach Westdeutschland.[2] Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Finanzbeamter[3], zuletzt als
Steueroberamtsrat in der Funktion eines Hauptabteilungsleiters.[4]
Science Fiction-Fandom
Mit 18 Jahren musste Thadewald für mehrere Monate ins Krankenhaus und lernte in dieser Zeit die gerade auf den Markt gekommene Science-Fiction-Romanheftreihe Utopia aus dem
Pabel Verlag kennen[4].
Ab Ende der 1950iger Jahre wurde er im deutschen Science Fiction-Fandom aktiv[5]. 1958 nahm er am 1. NiederrheinCon in Düsseldorf teil. Anfang der 1960iger Jahre gründete Thadewald gemeinsam mit Ernst-August Pösse (1935–2012) die Science-Fiction-Gruppe Hannover (SFGH)[1].
Thadewald war auch Mitglied der 1981 wieder gegründeten Science Fiction Gruppe Hannover und von 1997 bis 2003 Herausgeber des Gruppen-Fanzines SFGH-Chroniken (Nr. 177-199).[6].
Sammler und Jules-Verne-Experte
Nachdem er im Alter von 18 Jahren Science Fiction und Fantastik für sich entdeckt hatte, machte er mit 22 schließlich Bekanntschaft mit dem Werk Jules Vernes.[1] Von diesem Zeitpunkt an sammelte er bis zu seinem Tode alles, was er über den französischen Autoren finden konnte. Mit detektivischem Spürsinn trug er in akribischer Kleinarbeit[7] die wahrscheinlich größte Sammlung zu Jules Verne in deutscher Sprache zusammen. Seine Sammlung umfasst mit ca. 4.000 Objekten über 90 % aller bekannten deutschsprachigen Verne-Ausgaben (inklusive dazugehöriger
Sekundärliteratur) und sonstigen Objekte.[4] Sie umfasst nicht nur die verschiedenen Ausgaben, sondern auch deren einzelne Auflagen. Darunter befinden sich nicht nur gebundene Ausgaben, sondern auch Taschenbücher, Heftromane und Comics. Des Weiteren Anthologien mit Einzelerzählungen, Hörspiel- und Hörbuch- Schallplatten und -Kassetten und Verfilmungen von Vernes Werken. Schließlich hatte Thadewald auch zahlreiche „Kleinteile“, wie Porträtstiche, Bastelbögen, Sammelbilder, Figurbögen für Papiertheater etc.[4]
Thadewald hatte seine Sammlung zwischen zwei eingeschossigen Häusern in Langenhagen aufgeteilt. In einem der Häuser lebte er zwischen seiner Jules-Verne-Sammlung wie in einer Bibliothek.[8] Er
vermachte seine komplette Jules-Verne-Sammlung der
Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in
Hannover. Die Sammlung umfasst etwa 4 000 Stücke, darunter 2 000 gebundene Bücher, 800 Taschenbücher, 200 Hefte (= 3 000 Stücke) und etwa 200 Schallplatten und Kassetten … (Zitat aus dem
Testament).[9] Seine Sammlung von mehr als 45 000 Bänden
fantastischer Literatur[1] vermachte er der Phantastischen Bibliothek Wetzlar.
Nach Verhandlungen zwischen der Leibniz Bibliothek und der Phantastischen Bibliothek einigten sich beide Seiten 2019 darauf, die komplette Jules-Verne-Sammlung Thadewalds, die seit 2014 in 92 Umzugskartons in einem Depot der Leibniz Bibliothek eingelagert war, vollständig an die Phantastische Bibliothek zu übergeben. Im Mai 2019 wurde die Sammlung nach Wetzlar gebracht, wo sich seither Jules-Verne-Experten (u.a. des Jules-Verne-Club) damit befassen, diese für die Öffentlichkeit zu erschließen.[10]
Im Laufe seines Sammlerlebens veröffentlichte Thadewald zahlreiche Fachaufsätze und Bücher über Verne, so zum Beispiel eine Gesamtausgabe der auf Deutsch erschienenen Verneschen Werke auf einer CD-ROM, die auf über 39.000 Seiten eine ausführliche Einleitung, Romane, Erzählungen, alte Rezensionen sowie Bio- und Bibliografien enthält.[11]
Wolfgang Thadewald wurde am 14. Oktober 2000 Mitglied des deutschen Jules-Verne-Clubs, dem er bis zu seinem Tode angehörte.
Literaturagent
Thadewald interessierte sich sehr für Literatur und leitete nebenberuflich während des Kalten Krieges lange Jahre eine eigene Literaturagentur, die sich auf
polnische Autoren spezialisiert hatte, damit diese auf dem deutschen Markt veröffentlichen konnten. Zu den von ihm verlegten Autoren gehörten unter anderem der Science Fiction-Autor Stanisław Lem, den er über 40 Jahre lang vertrat[4] und mit dem ihn bis zu dessen Tod im Jahre 2006 eine enge Freundschaft verband.[12] Auch Marian Orzechowski, von 1985 bis 1988 polnischer Außenminister und Träger des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, wurde von ihm vertreten.[8] Genau so wie der katholische Geistliche Karol Wojtyla, der spätere
Papst
Johannes Paul II., der mit Thadewalds Unterstützung
Lyrik veröffentlichen konnte.[1]
1966 gab er im
Selbstverlag zusammen mit Thomas Schlück den Science-Fiction-Roman Star Maker des Briten Olaf Stapledon heraus, den Schlück übersetzt hatte.[13]
Sonstiges
Zwischen 2004 und 2006 arbeitete er an der Studie „Verkehrssysteme der Zukunft“ der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und des
Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit.[14] 2006 war er neben Thomas Le Blanc,
Peter von Möllendorff und Thomas Schlück einer von insgesamt 19 Stiftungsgründern der Phantastischen Bibliothek in
Wetzlar.[15] „Für seine langjährigen Verdienste um die Jules-Verne-Forschung“ wurde er 2007 für den Kurd Laßwitz Preis nominiert.[16] Thadewald gilt als Miterfinder des (realen) Getränks Vurguzz[17], das als fiktives
alkoholisches Getränk mit 250
Vol.-%[18] angeblich von Jesco von Puttkamer erfunden worden sein soll und im Science-Fiction-Fandom Kultstatus besitzt.[19]
Wolfgang Thadewald, der nie mit einem Computer gearbeitet hat[11], starb 78-jährig im Dezember 2014 nach langer, schwerer Krankheit.[20] Er war unverheiratet und ohne Nachkommen.[1]
Bibliografie (Auswahl)
Nr 26 April 2015 Titelbild.jpg
- Als Autor
Thadewald ist unter anderem Autor von über 500 Artikeln über Jules Verne. Er verfasste ebenfalls zahlreiche Bibliografien für das als
Loseblattsammlung erscheinende Bibliographische Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur[21] sowie das von Friedrich Schegk und Heinrich Wimmer herausgegebene Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur.[20] Darüber hinaus schrieb er grotesk-skurrile Erzählungen, deren
Protagonisten die Mitglieder der Familie Ranz sind.[1] Zusammen mit zahlreichen anderen Autoren, wie
Volker Dehs oder
Thomas Ostwald, verfasste Thadewald Beiträge für das von
Heinrich Pleticha 1992 herausgegebene Jules Verne Handbuch. Der weiteren veröffentlichte er auch Erzählungen in Heftromanreihen wie
Terra Astra,
Perry Rhodan,
Raumschiff Promet,
Terra Nova[22] oder in Nautilus, dem Magazin des Jules-Verne-Clubs.[23]
- Als Herausgeber
Mit Hilfe des Jules-Verne-Clubs[24] konnte die neue Reihe Thadewalds Spaziergänge durch die Vernistik[25] herausgebracht werden, die Erzählungen von Verne-Nachahmern und frühe deutschsprachige Zeitungsrezensionen und sonstige öffentlich nur schwer zugängliche Texte umfasst.[8] Zu seinen Lebzeiten erschienen zwei Bände:
- 150 Jahre Jules Verne – Zeugnisse aus den Anfängen einer neuen Literaturgattung. Bremerhaven 2013.
- Gustav Hofmann: Die Reise nach dem Mond. Nach Jules Verne. Bremerhaven 2014.
- Jules Verne im Groschenformat – Heftromane des 19. Jahrhunderts. Bremerhaven 2015 (
postum erschienen)
Thadewalds
Opus magnum ist jedoch:
- Jules Verne. Bekannte und unbekannte Welten. (mit CD). Directmedia, Berlin 2004.
Impressionen aus der Sammlung
-
Popp: Julius Verne und sein Werk (von 1909)
-
der Erde zum Mond (von 1876)
-
Propellerinsel (um 1900)
-
um die Erde in 80 Tagen (von 1891)
-
Idee des Dr. Ox (um 1900)
-
Chancellor (von 1887)
-
Wochen im Ballon (um 1900)
Literatur
- Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald M. Hahn, Wolfgang Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur. Bd. 2. Heyne, München 1980, ISBN 3-453-01064-7, S. 1204.
- Ulrich Blode: Wolfgang Thadewald. In: phantastisch! neues aus anderen welten. Nr. 58. S. 57–58.
- Volker Dehs: Wolfgang Thadewalds Vernereien. In: Nautilus. Magazin des Jules-Verne-Clubs. No 26, April 2015, S. 5–10.
- Thomas Le Blanc und Jörg Weigand (Hrsg.): Zwischen Jules Verne und Ewigkeit – Wolfgang Thadewald – Erinnerungen an einen Freund. Phantastische Bibliothek Wetzlar 2015. (Inhaltsverzeichnis)
- Georg Ruppelt: Die Jules-Verne-Sammlung von Wolfgang Thadewald in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. In: Erlesenes von Georg Ruppelt. b.i.t. online 18 (2015) Nr. 4, S. 348–349.
- Jörg Weigand: Ungebrochene Faszination: Wolfgang Thadewald und seine Jules-Verne-Sammlung. In: Aus dem Antiquariat. Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler. Nr. 5, 17. Oktober 2003, Frankfurt/M., S. 366–370.
Weblinks
- Literatur von und über Wolfgang Thadewald im Katalog der
Deutschen Nationalbibliothek - Wolfgang Thadewald in der
Internet Speculative Fiction Database (englisch) - Wolfgang Thadewald in der Bibliographie deutschsprachiger Science-Fiction-Stories und Bücher (Stories Artikel Bücher Herausgeber).
- Herbert Danker in der Bibliographie deutschsprachiger Science-Fiction-Stories und Bücher (Stories Artikel Bücher Herausgeber).
- Shalima Shyuna in der Bibliographie deutschsprachiger Science-Fiction-Stories und Bücher (Stories Artikel Bücher Herausgeber).
- Volker Dehs: In memoriam Wolfgang Thadewald (1936–2014) (PDF, Nachruf in Französisch)
- Michael Krowas: Jules Verne ist in Langenhagen zu Hause. In: Hannoversche Allgemeine vom 5. August 2013.
- Nachruf auf der Website der SF-Gruppe Hannover
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Michael Krowas: Jules Verne ist in Langenhagen zu Hause.
- ↑ 2,0 2,1 Georg Ruppelt: Die Jules-Verne-Sammlung von Wolfgang Thadewald in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. S. 348.
- ↑ Volker Dehs: In memoriam Wolfgang Thadewald (1936–2014). S. 105.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Jörg Weigand: Ungebrochene Faszination.
- ↑ Hagen Zboron: Tabellierte Fandoms-Historie. In: Nibelungen Nr. 2, S. 100 (1960-62). S. 102 (1962-63), S. 104 (1963-64), S. 107 (1964-65).
- ↑ Fred Körper: Nachruf: Wolfgang Thadewald, 1936-2014, 13. Februar 2015, als PDF auf der Website der Gruppe.
- ↑ Volker Dehs: Wolfgang Thadewalds Vernereien. S. 7.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 Ulrich Blode: Wolfgang Thadewald.
- ↑ zitiert nach: Georg Ruppelt: Die Jules-Verne-Sammlung von Wolfgang Thadewald in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. S. 349.
- ↑ Norbert Scholz: Der Nachlass Wolfgang Thadewalds, eine Zwischenbilanz. In: Nautilus – Magazin des Jules-Verne-Clubs. Nr. 35, Oktober 2019, S. 43–45.
- ↑ 11,0 11,1 Volker Dehs: Wolfgang Thadewalds Vernereien. S. 8.
- ↑ Thomas Schlück: Wolfgang Thadewald und Stanisław Lem. In: Le Blanc Weigand (Hrsg.): Zwischen Jules Verne und Ewigkeit – Wolfgang Thadewald – Erinnerungen an einen Freund. S. 38.
- ↑ Heinz J. Galle: Wie die Science Fiction Deutschland eroberte. Erinnerungen an die miterlebte Vergangenheit der Zukunft. Dieter von Reeken (Hrsg.), Lüneburg 2008, S. 42–43.
- ↑ Verkehrssysteme der Zukunft - eine interdisziplinäre wissenschaftliche Studie
- ↑ Stiftungsdaten der Phantastischen Bibliothek Wetzlar
- ↑ Nominierung für den Sonderpreis des KLP 2007
- ↑
der Geschichte: Museumsmagazin 3/2013: „Der Weg ist das Ziel!“
- ↑
Perrypedia-Artikel über Vurguzz
- ↑ Wolfgang Thadewald: Die Geschichte des Vurguzz. In: SFGH-Chroniken. Nr. 181, Science Fiction Gruppe Hannover, Dezember 1997.
- ↑ 20,0 20,1 Volker Dehs: Wolfgang Thadewalds Vernereien. S. 9.
- ↑ Heinrich Wimmer: Ein bibliographisches Gehirn. In: Le Blanc Weigand (Hrsg.): Zwischen Jules Verne und Ewigkeit – Wolfgang Thadewald – Erinnerungen an einen Freund. S. 25–26.
- ↑ Alpers, Fuchs, Hahn und Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur. Bd. 2, S. 1204.
- ↑ Wolfgang Thadewalds Nautilus-Artikel
- ↑ Offizielle Website des Jules-Verne-Clubs
- ↑ Veröffentlichungen des Jules-Verne-Clubs
|
|